In memoriam to Radsport

Mai 24, 2007

  

Wenn ich die Augen ganz feste zusammenkneife, dann kann ich sie noch sehen. 1997, irgendwann im Juli. Ein junger Rostocker stürmt im Trikot des Deutschen Meisters die Pyrännäen hinnauf. Immer wieder dreht er sich um, kann es kaum fassen, dass keiner die Kraft hat, ihm zu folgen. Seitdem sind zehn Jahre vergangen. Heute wissen wir natürlich alles besser. Jan Ulrich wundert sich zwar noch immer, aber seine ehemaligen Teamkollegen helfen ihm Stück für Stück auf die Sprünge.  Den Anfang machte ein Masseur auf Belgien im April den Anfang und beschuldigte den Telekomrennstall fast ausnahmslos des systematischen Dopings. Zu Beginn schien die Vertuschungsmasche noch zu funktionieren, schien Jef d’Hont, selbst dopingbeschuldigt, kaum als Kronzeuge geeignet. Doch ab Mitte Mai gestanden mehr und mehr Radprofis, Epo genommen und jahrelang Medien, Behörden und Fans betrogen zu haben.

Politiker und Radfahrer fordern für die ausnahmslose Aufklärung des Dopingskandals eine Amnestie. Nur wenn die Radfahrer keine Strafen zu befürchten hätten, würden sie bereit sein, auszupacken. Kann das aber der richtige Weg sein? Mir, dem Radsportfan, der jedes Jahr im Hochsommer Stunden am Fernseher klebt, erzählen, dass Ulrich, Aldag, Zabel unschuldig sind? Das klingt nach dem Gewissen eines Eichmanns.
Viele haben nun um ihre Existenz und ihren Ruf zu fürchten. Die renommierte Sportmedizin der Uni Freiburg hat sich schon mal von den beiden Chefärzten getrennt. Damit dürfte der lückenlose Neuanfang schon geglückt sein. Dass die medizinische Abteilung neben dem Radsport auch über Jahrzehnte Olympiamannschaften, Fußballvereine und einzelne Athleten „betreut“ hat, wird dem Dopingskandal nur ein weiteres Kapitel hinzufügen.

Rudolf Scharping, Präsident des Deutschen Radfahrerbundes, lehnt eine solche Amnestie ab. Profisportler, wie jeder Mensch auch, haben gegenüber sich selbst und der Öffentlichkeit eine gewisse Verantwortung. Der Toursieger bekommt bei der diesjährigen Tour ein Preisgeld von etwa einer halben Million Euro, das Grüne Trikot 25.000 Euro. Jeder Sieg, jedes Festhalten vor der Kamera bringt Preisgelder und Werbeeinnahmen. T-Mobile zahlte Ulrich rund 2,5 Millionen Euro bei seinem Siegerjahr 1997, hinzu kamen 1,5 Millionen Euro Werbeeinnahmen. Und auch in den folgenden zehn Jahren ist Ulrich bestimmt alles andere als „ein armes Schwein“. Wer den Mut aufbringt, sich selbst in Lebensgefahr zu bringen, wer obwohl schon seit den 1960er Jahren Tote im Radsport keine Seltenheit, immer wieder dopt, der kann nicht mehr unschuldig sein. Jeder hat die Pflicht, sich selbst zu schützen und gerade ihr Sportler: Ihr habt die Pflicht, mir ein Vorbild zu sein.

Euer enttäuschter Fan
M.

Advertisements

Eine Antwort to “In memoriam to Radsport”

  1. Eigentlich sind diese Etappenrennen ja eine spannende Sache. Darum wäre mir auch eine Lösung lieb, bei der man wieder ein bisschen Vertrauen haben könnte. Diese Beichten sind ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: